GEWERKSCHAFTSENTWICKLUNG IN GROSSBRITANNIEN UND DEUTSCHLAND, EINE QUALITATIVE ANALYSE

Ramona Brotschi, Can Büyükbay, Markus Kindler



1. Einleitung
„Ohne Ergebnis ist am Mittwochnachmittag die erste Tarifverhandlungsrunde für die 60.000 Beschäftigten der Lufthansa am Boden und in der Kabine zu Ende gegangen.“ (Reutter 2008) teilte ver.di, die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft in Deutschland, in ihrer Pressemitteilung vom 4.Juni 2008 mit. ver.di ist der Meinung, dass das erste Angebot der Arbeitgeber zu tief ist. Es wird deshalb ein weiteres Treffen anberaumt. Nebst der Lohnfrage zeigt sich die Lufthansa zudem bereit, über einen Ausbau der Ergebnisbeteiligung der Arbeitnehmer zu verhandeln.

Obschon in diesem Fall die Tarifverhandlungen (nur eine mögliche Form der Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern auf dem Arbeitsmarkt) noch nicht erfolgreich abgeschlossen sind, impliziert diese Meldung doch, dass den deutschen Gewerkschaften ein nicht unbedeutender Einfluss auf die Löhne der Arbeiter zukommt. Diese Bedeutsamkeit der Gewerkschaften ist jedoch nicht selbstverständlich: Obwohl alle Gewerkschaften, die oftmals aus der europäischen Arbeiterbewegung hervorgegangen sind, sich für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen einsetzen, so gibt es doch von Land zu Land erhebliche Unterschiede im Gewicht, das die Gewerkschaften in Wirtschaft und Politik haben. Die Wichtigkeit und Durchsetzungskraft der Gewerkschaften differiert laut Hassel und Streeck (2003) auf Grund der historischen Entwicklung des daraus hervorgegangenen Gewerkschaftstyps und auf Grund der Koordinationsform zwischen den Gewerkschaften, dem Staat und der Wirtschaft.

In dieser Arbeit geht es um die unterschiedliche Gewerkschaftsentwicklung in Grossbritannien und Deutschland. Der Schwerpunkt liegt auf diesen beiden Ländern, da sie unterschiedliche Typen von Gewerkschaften aufzeigen. Grossbritannien hat Berufsgewerkschaften, Deutschlands Arbeiter organisieren sich eine Stufe höher, in Industriegewerkschaften. Im Folgenden soll also dargelegt werden, wie sich die Gewerkschaften seit ihren Anfängen entwickelt haben und wie sie zu ihrer Organisationsform gekommen ist. Es soll bewusst das Augenmerk auf die Gründungszeit bis zum zweiten Weltkrieg geworfen werden. Die Fragestellung, die dieser Arbeit zugrunde liegt, soll deshalb lauten: „Welche Faktoren führten zu verschiedenen Outcomes der Gewerkschaftsentwicklung in Grossbritannien und Deutschland?“. Um diese Frage beantworten zu können, folgen wir der Differenzmethode von Mill (1874). Bei dieser Methode versucht man einen Kausalfaktor dadurch zu bestimmen, indem man bei zwei oder mehreren Fällen mit unterschiedlichen Ergebnissen nach Erklärungsfaktoren sucht. Im Bezug auf die vorliegende Arbeit bedeutet das, dass Grossbritannien und Deutschland mit ihren unterschiedlichen Gewerkschaftstypen untersucht werden, um einen Kausalfaktor herauszukristallisieren, der für die unterschiedliche Entwicklung der Gewerkschaften verantwortlich ist. Anhand der Entstehungsgeschichte sowie der aktuellen Organisationsstruktur und der Beziehung zum Staat und der Wirtschaft soll diesen Kausalfaktoren nachgegangen werden.

In der Forschung gibt es eine Vielzahl an Gewerkschaftsliteratur. Gewerkschaften werden nicht nur vom politikwissenschaftlichen Forschungsfeld, sondern auch von der Soziologie und vor allem der Ökonomie untersucht. Es ist jedoch eine Tendenz hin zum komparativen und qualitativen Vergleich auszumachen. Im Folgenden werden Gewerkschaften als „eine dauernde Verbindung von Lohnarbeitern zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Besserung ihrer Arbeitsbedingungen“ (Webb 1895) angesehen. In unserer Arbeit unterscheiden wir zwischen Berufsgewerkschaften und Industriegewerkschaften. Während die Berufsgewerkschaften sich auf die jeweils partikulären Probleme einer Berufsgattung konzentrieren, setzen sich die Industriegewerkschaften für ein breiteres Spektrum von Arbeitern ein. Die Industriegewerkschaften sind auf Grund der grösseren Anzahl an Mitgliedern effektiver, wenn es um Verhandlungen mit der Regierung geht. Sie decken jedoch die jeweiligen Interessen der Arbeiter weniger spezifisch ab, als dies die fokussiertere Berufsgewerkschaft tut.

Die vorliegende Arbeit ist wie folgt gegliedert: In einem ersten Schritt wird die Differenzmethode vorgestellt und die Theorie dargelegt. Im zweiten Schritt werden die Fallauswahl begründet und verschiedene Gewerkschaftstypen beleuchtet. Im dritten und vierten Kapitel wird die Entwicklung der Gewerkschaften in Grossbritannien und Deutschland erläutert. In der Synthese werden die Unterschiede dieser Entwicklungen behandelt. Schliesslich folgt ein Fazit.

2. Das methodische Konzept: Die Differenzmethode
Bevor John Stuart Mill in seinem Buch „A System of Logic“ (1874) vier Methoden erörtert, legt er sein Verständnis über Ursache und Wirkung dar. Für ihn hat jedes Ereignis eine bestimmte Ursache, die dem Ereignis vorhergegangen ist, und für ein besseres Verständnis dessen auch gefunden werden muss: „The whole of the present facts are the infallible result of all past facts, and more immediately of all the facts which existed at the moment previous.” (Mill 1874: 272). Um diese Kausalkette jedoch nicht nur beobachten, sondern auch verstehen zu können, muss die Komplexität, das ‚Chaos’ wie Mill es bezeichnet (1874: 272), aufgebrochen und in ihre Einzelheiten aufgegliedert werden. Die einzelnen Fakten müssen voneinander abgesondert und einzeln betrachtet werden. Diese Beobachtung – so der Autor weiter – kann jedoch nicht mit Logik gleichgesetzt werden, da es keine eigentliche Kunst der Beobachtung gibt, sondern nur Regeln. Vielmehr ist es von elementarer Bedeutung, dass diese gut ausgeführt wird, obwohl es schwierig ist, Ursachen von Tatsachen zu finden und korrekt zu beschreiben. Sind jedoch die einzelnen Beobachtungen erst einmal gemacht, so geht es John Stuart Mill in einem zweiten Schritt darum, zu erklären, wie die einzelnen beobachteten Stücke miteinander verknüpft werden können. Dazu muss der Beobachter/Wissenschaftler bei der Betrachtung der unterschiedlichen Fälle zwischen Beobachtung und Experiment unterscheiden. Denn entweder lässt sich in der Natur ein geeigneter Fall ausmachen, oder er lässt sich durch eine künstliche Anordnung der Umstände herstellen (Mill 1874: 273f.). Für Mill ist dabei der augenfälligste Unterschied, dass das Experiment die unbegrenzte Ausdehnung einer Beobachtung ist. Ein Wissenschaftler kann hier nicht nur Fälle untersuchen, die ihm ohne sein Zutun zur Verfügung stehen, sondern er kann sie auch selber konstruieren und somit – ein grosser Vorteil – beliebig wiederholen. Einen weiteren Vorteil des Experimentes gegenüber einer Beobachtung sieht Mill in der Kombinationsmöglichkeit von Fällen, welche in der Natur nicht gegeben sind (Mill 1874: 274). Doch solche Experimente sind für ihn nicht immer realisierbar, da häufig nur eine Wirkung, jedoch keine Ursache beobachtet werden kann. Dieser Schwierigkeit bewusst, entwickelte Mill vier Methoden der direkten Induktion – Methoden der experimentellen Forschung: Die Konkordanz-, die Differenz-, die indirekte Differenz-, die Variations-(Methode der Begleiterscheinungsvarianz) und die Restmethode (vgl. Mill 1874: 280-291). Wie Jahn (2006: 167) schreibt, stellen Mills Überlegungen in den Sozialwissenschaften häufig den Ausgangspunkt für die vergleichende Methode dar. Insbesondere die Konkordanz-und Differenzmethoden finden Beachtung.

John Stuart Mill beschreibt in seinem Werk (1874: 280) die Konkordanzmethode (Method of Agreement) folgendermassen: „If two or more instances of the phenomenon under investigation have only one circumstance in common, the circumstance in which alone all the instances agree, is the cause (or effect) of the given phenomenon.” Mehrere Fälle oder Beispiele sollen so auf eine gemeinsame Ursache zurückgeführt werden können. Sie bedient sich eines Ausschlussverfahrens, bis keine Option oder Ursache mehr übrig bleibt (vgl. Blatter et al 2007: 142f.). Für die vorliegende Arbeit wird Mills zweite Methode, die Differenzmethode (Method of Difference) verwendet. Er beschreibt diese Methode wie folgt: „If an instance in which the phenomenon under investigation occurs, and an instance in which it does not occur, have every circumstance in common save one, that one occurring only in the former; the circumstance in which alone the two instances differ, is the effect, or the cause, or an indispensable part of the cause, of the phenomenon.” (Mill 1874: 280). Wenn auch diese zwei Methoden eine unterschiedliche Vorgehensweise beinhalten, so haben sie doch gemeinsam, beides Methoden der Eliminierung zu sein (Jahn 2006: 169). Die Konkordanzmethode schliesst alles aus, was nicht gleichzeitig mit der abhängigen Variable in Erscheinung tritt. Die Differenzmethode hingegen schliesst alles aus, was nicht mit der abhängigen Variable kovariiert (Jahn 2006: 169). Sie dient dazu, mögliche hinreichende Ursachen und Bedingungen zu eliminieren. Der Methodenkanon von Mill – und damit auch die Differenzmethode – blieb als analytisches Instrumentarium für die Untersuchung komplexer sozialer Gefüge nicht unwidersprochen. So meint u.a. Stanley Lieberson, dass die millschen Methoden in einer Konfrontation mit multikausalen, probabilistischen Aussagen versagen (nach Jahn 2006: 171. vgl. dazu auch Ragin 1987: 42). Diese wären jedoch in der Politikwissenschaft häufig anzutreffen. Da diese Methoden zudem deterministisch sind, die Realität jedoch selten so ist, eignet sich diese Methode nur bedingt. Dabei ist es kaum möglich, eine einzige Schlüsselvariable analytisch abzusondern. Das Ziel sollte vielmehr sein, unter den verbleibenden Erklärungsmöglichkeiten eine „sinnvolle und theoretisch angeleitete Interpretation“ (Tiemann 203: 266) zu versuchen. Jahn (2006: 171) fügt weiter an, dass die Logik von Mill auf einer „(willkürlichen) Betrachtung einer geringen Anzahl von Fällen“ aufbaut. Doch nur wenn alle verfügbaren Kombinationen empirisch auftreten, kann eine Sicherheit bestehen. Zusammenfassend für diese Kritik kann Lieberson (1991: 315f.) zitiert werden: „Dealing with the theoretical questions first, we see that the small-N applications of Mill's methods cannot be casually used with all macrosocietal data sets. The methods require very strong assumptions: a deterministic set of forces, the existence of only one cause, the absence of interaction effects, confidence that all possible causes are measured, the absence of measurement errors, and the assumption that the same clean pattern would occur if data were obtained for all relevant cases. At the very least, users must recognize that these assumptions are mandatory in this procedure.” Trotz dieser Kritik fliessen diese Methoden auch heute noch in die Sozialwissenschaft ein, so zum Beispiel beim Vorschlag der systematischen Eliminierung von nicht relevanten Bedingungen. Diese Methoden werden auch angepasst; die deterministischen Ausprägungen in diesen Methoden werden durch probabilistische und moderne statistische Verfahren ersetzt (Jahn 2006: 271). Obwohl diese Methode – wie gesehen – kritisiert und im Gegenzug wiederum verteidigt wurden, verwenden wir in der vorliegenden Arbeit die Differenzmethode nach Mill (1874), da sie für unsere Fragestellung doch ein geeignetes Instrumentarium zu bieten scheint.

3. Theorieteil
3.1 Das Klassenbewusstsein

In der konventionellen Sozialgeschichte werden die europäischen Gesellschaften im 18.Jahrhundert als Statushierarchien definiert, wobei die Gesellschaften im 19.Jahrhundert als durch Bürgertum und Arbeiter geprägte Klassengesellschaften angesehen werden (Wende 2001: 147). Es gibt also eine Transformation vom Stand zur Klasse. In dieser Arbeit wird dem Klassenbewusstsein einen speziellen Wert gegeben, weil die Sozialforscher weitgehend akzeptieren, dass sich die Arbeiterklasse in England im Gegensatz zu Deutschland erst sehr spät als eine politische Bewegung entwickelte. Das fehlende Klassenbewusstsein führte zum Teil dazu, dass sich die Arbeiter in England nicht in einer einheitlichen Gewerkschaft sondern in fragmentierten ‚craft unions’ organisierten, während sich die Arbeiterklasse in Deutschland, dank einer gemeinsamen Perspektive, in Industriegewerkschaften zusammenschlossen. Bei der Arbeiterschaft in England entwickelte sich erst nach 1880 ein Klassenbewusstsein und infolgedessen die Formierung der Labour Party (Wende 2001: 148). Thompson (1987: 7) betont in seinem berühmten Werk „ The Making of the English Working Class”, dass das Hervortreten der Arbeiterklasse ein aktiver Ablauf ist. Er argumentiert, dass es ein gemeinsames Bewusstsein benötigt, um die Beteiligung der Arbeiter zu gewährleisten. Bei Thompson (1987) ist die Klasse nicht als eine Struktur gekennzeichnet, sondern als ein aktiver Prozess, der sich in menschlichen Beziehungen reflektiert. Das bedeutet, dass das Klassenbewusstsein nicht von sich selbst auftritt, sondern aktiv gestaltet werden muss. Darüber hinaus betont Thompson (1987), dass eine Klasse nur dann entsteht, wenn Menschen wegen ihrer gemeinsamen Praxis merken, dass ihre Interessen identisch sind. Er erklärt die Beziehung zwischen der Klassenerfahrung und dem Klassenbewusstsein folgendermassen: „Die Klassenerfahrung ist weitgehend durch die Produktionsverhältnisse bestimmt, in die man hineingeboren wird-oder in die man gegen seinen Willen eintritt. Klassenbewusstsein ist die Art und Weise, wie man diese Erfahrungen kulturell interpretiert und vermittelt: verkörpert in Traditionen, Wertsystemen, Ideen und institutionellen Formen“ (Thompson 1987: 8).

Bei Thompson (1987) ist die Arbeiterklasse also nicht etwas, das statisch ist, sondern ein dynamisches Phänomen. Die Arbeiterklasse ist nicht nur vorhanden, weil eine Gruppe von Menschen in einer gemeinsamen Beziehung zu den Produktionsmitteln steht, sondern es ist eine notwendige Bedingung für die Existenz der Arbeiterklasse, dass diese gemeinsamen Interessen von diesen Menschen wahrgenommen werden. Dies bedeutet, dass sich die Arbeiter ihrer eigenen Situation und ihrer Interessen bewusst sein müssen, damit man von einer Arbeiterklasse sprechen kann (Thompson 1987: 8).

In Übereinstimmung mit Thompson analysiert Wilhelm Reich den Begriff des Klassenbewusstseins in seinem 1934 erschienen Werk „Was ist Klassenbewusstsein?“. Er betont, dass in der sozialistischen Politik der Begriff des Klassenbewusstseins eine entscheidende Rolle spielt und als eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Arbeiterbewegung angesehen werden muss. In diesem Buch, in dem er das Politische und das Psychologische miteinander verbindet, behauptet er, dass das Bewusstsein der führenden sozialistischen Intellektuellen mit dem Bewusstsein des Arbeiters zusammengeschlossen werden muss. Nur so könne einen Umbruch der kapitalistischen Mechanismen in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen herbeigeführt werden. Dabei leiht er Lenins Begriff ‚die Avantgarde’ aus, um aufzuzeigen, dass die führenden Intellektuellen, ein Klassenbewusstsein unter den Menschen schaffen sollten, um diese zu einer politischen Kraft zu gestalten (Reich 1934: 10). Das bedeutet, dass das Bewusstwerden der Klassensituation unter den Arbeitern geschaffen werden soll. Die Avantgarde hat die Aufgabe, die Wünsche, Gedanken und Ideen der Arbeiterklasse zu verstehen und diese zu transformieren (Reich 1934: 14). Reich kritisiert in diesem Werk deterministische Marxisten und hebt die Subjektivität der Menschen hervor, indem er sagt: „Das Sein der Menschen und seine Bedingungen spiegeln, verankern, reproduzieren sich in ihrer seelischen Struktur, indem sie sie formen. Nur durch diese seelische Struktur hindurch ist der objektive Prozess für uns erreichbar, seine Hemmung wie seine Förderung und Beherrschung“ (Reich 1934: 14).

Reich wies also darauf hin, dass der objektive gesellschaftliche Prozess mit dem subjektiven Bewusstsein der Menschen verbindet werden muss, weil man die kapitalistischen Verhältnisse in einer Gesellschaft nur durch die psychische Existenz der Menschen verändern kann. Darüber hinaus argumentiert Reich, dass alles, was das kapitalistische System bekämpft, als Bestandteile des Klassenbewusstseins, und alles was das kapitalistische System unterstützt, als die Einschränkung des Klassenbewusstseins, berücksichtigt werden kann (Reich 1934: 17). Diese These konkretisiert Reich in seinem Werk, indem er als Beispiel zwei verhungernde Menschen aufzeigt: Der eine stiehlt, und der andere versucht, sich Nahrung zu verschaffen. Obwohl Stehlen keine Anzeige für das Klassenbewusstsein ist, kommentiert er, dass der jenige, der stiehlt, mehr Energie und Klassenbewusstsein in sich trägt als derjenige, der die Ungerechtigkeit im System akzeptiert, indem er nicht stiehlt. Zudem kann argumentiert werden, dass Reich (1934) das Klassenbewusstsein der Arbeiter, erstens mit der Kenntnis der subjektiven Lebensbedürfnisse, zweitens mit der Kenntnis der Methoden ihrer Befriedigung, drittens mit der Kenntnis der Ungerechtigkeit im kapitalistischen System, und viertens mit der Kenntnis der eigenen Kraft gegenüber die Bourgeoisie, als gleich hält (Reich 1934: 65). Zudem entspricht das Klassenbewusstsein, so Reich, nicht der Kenntnis der geschichtlichen oder wirtschaftlichen Gesetze, die in einem deterministischen Sinn, die Geschichte regieren. Es entsteht durch die Politisierung aller Bedürfnisse der Arbeiterschaft und kann nicht direkt von den theoretischen Feststellungen an die Massen herangetragen werden. In Übereinstimmung mit Thompsons Analysen bedeutet dies, dass sich das Klassenbewusstsein zuerst aus den Erfahrungen der Arbeiterschaft entwickelt. Dabei ist es zu beachten, dass die Interessen der Arbeiterklasse mit den Interessen aller Werktätigen übereinstimmen (Reich 1934: 67).

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das Klassenbewusstsein eine notwendige Bedingung ist, damit die Arbeiter die Kenntnis erlangen, dass ihre Interessen identisch sind. Solidarität zwischen den Arbeitern kann nur mit einem Klassenbewusstsein geschaffen werden. Dies fehlte lange Zeit bei der Arbeiterschaft in Grossbritannien, obwohl sie in der gleichen Beziehung zu den Produktionsmitteln wie in Deutschland standen, was dazu führte, dass die Berufsgrenzen ihre Bedeutung nicht verloren haben.


3.2 Gewerkschaften

Die gewerkschaftlichen Organisationen gehören (neben den Arbeitgeberverbänden) zu den wichtigsten kollektiven Akteuren im System der industriellen Beziehungen“ (Müller-Jentsch 1997: 83). Die Gewerkschaftslandschaft zeigt eine grosse Vielfalt an institutionellen Formen, an Strategien und an unterschiedlichen Zielen, die sich aus den unterschiedlich verlaufenden Gewerkschaftsentstehungen herauskristallisierten. Gewerkschaften werden zudem durch den nationalen Kontext und durch die Anliegen der Mitglieder zusätzlich geformt.

3.2.1 Funktionen

Als Vertreter der Arbeiterschaft nehmen die Gewerkschaften verschiedenste soziale, politische und wirtschaftliche Interessen ihrer Mitglieder wahr. Im wirtschaftlichen Raum sind dies vor allem kollektive Aushandlungen über die Regelung der Löhne und der Arbeitsbedingungen sowie des Mitbestimmungsrechtes. Um diese Ziele (z.B. auch das Aushandeln der Tarifverträge für die Mitglieder) zu erreichen, wird oft die Methode der kollektiven Vertragsschliessung angewandt. Mittel zur Durchsetzung der Gewerkschaftsinteressen sind beispielsweise Verhandlungen, Streik und Boykott, aber auch passive Resistenz (Müller-Jentsch 1997: 92). Zum politischen Bereich gehören ‚legal enactment’ (Methode der gesetzlichen Verfügung), Beeinflussung von Parteien, Regierungen, Parlamenten und anderen Interessenverbänden zu den primären Aufgaben der Gewerkschaften. Mittel hierfür sind sowohl die direkte Einflussnahme in Form von der Teilnahme an der Gesetzgebung, Verhandlungen mit Behörden, Streiks etc. sowie der indirekten Einflussnahme mittels Hilfe seitens einer Partei etc. Hierbei sind nicht alle Mittel gleich effektiv, um die Ziele der Gewerkschaftsmitglieder zu erreichen: „Wichtigstes Mittel zur Durchsetzung der von den Gewerkschaften vertretenen Interessen ist der Streik“ (Müller-Jentsch 1997: 87). Gegen innen bieten die Gewerkschaften den Arbeitern Unterstützungskassen, Rechtsschutz und Weiterbildungen an sowie das Gewähren einer „Krankheits-und Unfallunterstützung, Arbeitslosenhilfe, Alterspensionen, Streik-und Aussperrungsunterstützungen und vieles andere“ (Müller-Jentsch 1997: 91). Da der Staat jedoch im Laufe der Zeit zunehmend sozialpolitische Aufgaben wie beispielsweise die Sozialversicherung übernimmt, wird die Solidarität innerhalb der Gewerkschaft in Frage gestellt. Deshalb bieten die Gewerkschaften ihren Mitgliedern exklusiv gewisse Dienstleistungen an, um sie an die Gewerkschaften zu binden. So kommen fortan Gewerkschaftsmitglieder in den Genuss von Autoclubs und Feriendörfern.

3.2.2 Typen
Nimmt man das Kriterium der Organisationsform, so können die Gewerkschaften in vier Typen einteilt werden: In allgemeine Gewerkschaften, in Industriegewerkschaften, in Berufsgewerkschaften und in Betriebsgewerkschaften.

3.2.2.1 Allgemeine Gewerkschaften und Betriebsgewerkschaften
Allgemeine Gewerkschaften stehen allen Arbeitern offen, egal welcher Berufsgattung in welchem Industriezweig sie angehören. Betriebsgewerkschaften stehen allen Arbeitern eines spezifischen Unternehmens offen, jedoch keinem Arbeiter von aussen. Diese beiden Gewerkschaftstypen werden in dieser Arbeit jedoch nicht näher thematisiert. Der Fokus liegt bei den Industrie-und Berufsgewerkschaften.

3.2.2.2 Industrie-und Berufsgewerkschaften (Industrial Unions und Craft Unions)
Die Industriegewerkschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie allen Arbeitern einer Industrie offen steht, ohne Rücksicht auf den Beruf, den sie innerhalb dieser Industrie ausüben. Im Gegensatz dazu können der Berufsgewerkschaft nur jene Arbeiter beitreten, die denselben Beruf ausüben (Brinkmann 1999: 30). Berufsgewerkschaften können aus zwei Gründen als geschlossene Gewerkschaften klassifiziert werden: Erstens ist die Mitgliedschaft auf eine bestimmte Berufsgruppe beschränkt und zweitens werden sie als geschlossen angesehen, weil sie aus den ‚Aristokraten der Arbeitskräfte’ entstanden, nämlich aus den gelernten Arbeitern. Diese beiden Gewerkschaftstypen unterscheiden sich jedoch nicht nur hinsichtlich ihrer Mitgliederzusammensetzung, sondern auch in ihren Zielen und den Strategien und Mitteln, um diese Ziele auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen. So weisen Berufsgewerkschaften eher einen kämpferischen Stil auf, da sie in Konkurrenz mit anderen ähnlichen Gewerkschaften stehen, und permanent eine Abwanderung ihrer Mitglieder befürchten müssen. Das Ziel ist, Vorteile für die eigenen Mitglieder (in Bezug auf die Leistungen, die die Mitglieder anderer Gewerkschaften erhalten) auszuhandeln. Die Industriegewerkschaften achten dagegen eher auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des jeweiligen Industriezweiges und versuchen einen Ausgleich zwischen den in ihnen organisierten Berufen zu schaffen (Brinkmann 1999: 30). Das bedeutet, dass sich offene Gewerkschaften, wie es Industriegewerkschaften sind, öfter als geschlossene Gewerkschaften auf die Solidarität der Arbeiterklasse berufen. Berufsgewerkschaften sind vor allem in jenen Ländern anzutreffen, die eine frühe Industrialisierung und Demokratisierung aufweisen. In Ländern mit später Industrialisierung organisieren sich die Arbeiter tendenziell in Industriegewerkschaften. Wie schon oben erwähnt, spezialisieren wir uns in der vorliegenden Arbeit auf die beiden letzt genannten Gewerkschaftstypen, die ‚Craft Unions’ und die ‚Industrial Unions’.

3.3 Fallauswahl
Gestützt auf die Differenzmethode kann die Fallauswahl wie folgt begründet werden: Grossbritannien und Deutschland, die bei der Gewerkschaftsentwicklung unterschiedliche Outputs aufweisen (Grossbritanniens Arbeiter sind in Berufsgewerkschaften organisiert und Deutschland hat Industriegewerkschaften), sind sich ansonsten in vielen Aspekten ähnlich. Beide Länder sind westliche und parlamentarische Demokratien mit ähnlicher politischer Kultur. Die Klassenbeziehungen zwischen Kapital und Arbeit weisen vergleichbare Strukturen auf, die sehr stark durch die Einwirkung des Kapitalismus geprägt wurden. Beide Länder zeichnen sich durch eine starke Arbeiterbewegung aus, die sich vor allem in der grossen Mitgliederzahl und der Zahl der Streiks zeigt. Was die Entstehung der Gewerkschaften betrifft, ist zudem festzuhalten, dass beide Länder im Gegensatz zu anderen Ländern eine frühe Industrialisierung erlebten, obwohl dies in Deutschland etwas später geschah als in Grossbritannien. So begann im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung ein Prozess, welcher die Gesellschaften in Europa nachhaltig prägte und veränderte. Es kam zu einem gesamtgesellschaftlichen Wandel: Die Lebensverhältnisse wurden neu gestaltet. Berufe verschwanden, neue wurden gegründet. Es kam zu Umstellungs-und Anpassungsschwierigkeiten von Berufsgruppen, die durch technologische Neuerungen und maschinelle Fertigungsmethoden komplett verändert wurden (Schönhoven 1984: 39). All diese Faktoren, wie auch der Rhythmus der Konjunktur, das wirtschaftliche Wachstum und die ausserbetrieblichen Lebensverhältnisse haben die Gewerkschaftsentwicklung beeinflusst (Schönhoven 1984: 39). Weshalb weisen zwei Länder mit ähnlichem politischem und kulturellem Hintergrund zwei unterschiedliche Gewerkschaftstypen auf? Mögliche Erklärungsfaktoren, die es zu überprüfen gilt, sind das Klassenbewusstsein, die Staatsunterdrückung und der Einfluss der Parteien. Nur wenn ein Klassenbewusstsein existiert, nehmen sich die Arbeiter als Gruppe wahr und es kann eine Solidarität entstehen, so Wende (2001). Die Gewerkschaften in Deutschland litten lange Zeit unter der Unterdrückung des Staates, der ihnen keine politischen Handlungen auf legalem Wege zuliess. Diese Staatsrepression führte wiederum zu einem Klassenbewusstsein über die beruflichen Grenzen hinweg. Nicht so jedoch in Grossbritannien, das an Stelle einer Staatsrepression vom Liberalismus geprägt wurde. Hier trat die Formierung der Arbeiterklasse später ein als in Deutschland. Das Klassenbewusstsein und die Staatsrepression sind erste mögliche Faktoren, die zur Herausbildung unterschiedlicher Gewerkschaftstypen führten. Ein weiterer Faktor, den es zu beleuchten gilt, ist der Einfluss der Parteien: Es ist festzuhalten, dass sich in Grossbritannien die Labour Party aus der Arbeiterbewegung heraus bildete. In Deutschland führten die Gewerkschaften und die Parteien jedoch eine Koexistenz.

Im weiteren Verlauf der Arbeit wird das Augenmerk vor allem auf dem Klassenbewusstsein, gestützt auf den Theorieteil, als möglichen Erklärungsfaktor für zwei verschiedene Outputs der Gewerkschaftstypen sein.

4. Empirischer Teil
4.1 Die Entwicklung der Gewerkschaften in Deutschland
Deutschland war vor der Reichsgründung 1871 zwar ein (lockerer) Zusammenschluss souveräner Staaten. Doch durch das Fehlen eines zusammenhängenden Staatsgebietes wurde die Herausbildung eines einheitlichen Wirtschaftsraumes verhindert. Zusammen mit der einsetzenden Industrialisierung konnte sich vorläufig nur schlecht eine kollektive Interessensvertretung bilden. Es überwog die Selbsthilfe mit Unterstützungskassen, Bildungsvereinen, Konsum-und Produktivgenossenschaften (Weitbrecht und Berger 1985: 483). Im März 1848 gründeten sich im Zuge der Revolution – ähnlich wie in England – die ersten freien Gewerkschaften aus beruflichen Zusammenhängen. Es waren jedoch nicht verarmte Unterschichten, die diesen Schritt unter scharfer Beobachtung der Behörden taten, sondern die Buchdrucker, die „Aristokratie der Arbeiter“ (Uellenberg 1996: 13). Diese Berufsgruppe nutzte, wie einige Monate später auch die Zigarrenmacher, die soeben gewonnen politischen Freiheiten, um ihre Anliegen und Interessen in einem Verein organisieren zu können. Neben diesen Vereinen, die sich auf einen bestimmten Beruf konzentrierten, wurde auf die Initiative des Schriftsetzers Stefan Born im April 1848 das Zentralkomitee der Arbeiter gegründet, aus dem im August die Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung hervorging. Für Tenfelde (1987: 54f.) ist dies die „Geburtsstunde der organisierten modernen Arbeiterbewegung in Deutschland“. Diese ‚Arbeiterverbrüderung’ wandte sich dabei nicht an eine bestimmte Gruppe, sondern wollte zusammen mit den Fabrikanten, Handwerksmeister und Arbeitern die Festlegung von Mindestlöhnen und Arbeitszeiten sowie das Koalitionsrecht einfordern (Uellenberg 1996: 16). Diese Freiheiten wurden von den Behörden nicht lange geduldet. Mit der Konterrevolution wurden diese ersten Arbeiterorganisationen wieder zerschlagen und 1854 ein neues Koalitionsverbot verabschiedet. Mitte der 1850er Jahre begann in Deutschland ein grosser Veränderungsprozess. Die Transformation von einem Agrar-hin zu einem Industriestaat nahm ihren Anfang. Dies hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Es begann, sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Grossindustrie zu bilden, die ein wachsendes Heer lohnabhängiger Arbeiter benötigte (Uellenberg 1996: 17). Dies wiederum führte zu einer Zunahme der Mobilität der Arbeitskräfte. Mit dieser Transformation fand nun plötzlich eine ganz neue Arbeitsteilung statt: Mit der wissenschaftlichen Betriebsführung Taylors und der Fliessbandproduktion von Ford wurde der Arbeitsprozess in einzelne Einheiten aufgegliedert. Fachkräfte mussten zunehmend angelernten Arbeitern Platz machen. Zusammen mit der Mobilität führte dies zu einer Unterminierung der natürlichen Machtbasis der alten Berufsverbände. Im Zuge der Industrialisierung verschwanden traditionelle Verbände oder spalteten sich in Spezialberufe auf. Wieder andere entstanden neu (Müller-Jentsch 1985: 373). Gleichzeitig konnte die zunehmend grössere Zahl von Hilfsarbeitern und Angestellten (vorerst) nicht in diese Organisationen eingebunden werden. In den rasch anwachsenden industriellen Zentren kam es in den 1850er und 60er Jahren auf lokaler Ebene zu Protest-und Streikbewegungen. Zwar bildeten sich lokale Komitees, welche die Kampfmassnahmen leiten sollten. Diese lösten sich nach den Konflikten meistens jedoch wieder auf. Zu einem grösseren Zusammenschluss kam es (noch) nicht. Auch das Bewusstsein, dass für erfolgreiche Arbeitskämpfe eine feste Organisation eine Voraussetzung war, bildete sich erst allmählich. Anfang der 1860er Jahre wurde das Koalitionsverbot nach und nach aufgehoben bis es 1872 im ganzen deutschen Reich gültig war (Weitbrecht und Berger 1985: 484). Trotz Hindernissen und Behinderungen entstanden in Folge verschiedene Vereine. Gleichzeitig wurde von verschiedenen politischen Richtungen die Gründung von Gewerkschaftsbünden vorangetrieben (Rauscher 1985: 384): Neben den beiden sozialdemokratisch ausgerichteten Verbänden ‚Allgemeiner Verband Deutscher Arbeiterschaften’ (AVDA) und dem Denken Karl Marx’ nahe stehende ‚Verband Deutscher Arbeitervereine’ (VDAV), wurde in dieser Zeit auch der liberale ‚Verband der Deutschen Gewerkvereine’ gegründet. Dabei sahen die Gründer in den Gewerkschaften in erster Linie ein Rekrutierungsfeld für die eigene Partei (Schönhoven 2003: 44). Trotz der Bemühungen der Parteikader wurden bereits vorher zentrale Berufsgewerkschaften gegründet. Für Müller-Jentsch (1985: 370) waren es deshalb nicht die politischen Parteien, welche die Gewerkschaftsbewegungen in Gang brachten. Vielmehr hätten sich diese erst eingeschaltet, als die Entwicklung hin zu Gewerkschaften längst eingesetzt hatte. Als mit der Reichsgründung 1871 die verschiedenen Staaten zu einem einheitlichen Wirtschafts-und Rechtsraum wurden und somit das Koalitionsverbot auch landesweit aufgehoben wurde, hatte dies auch Auswirkungen auf die Gewerkschaften. Im Juni 1872 trafen sich Delegierte von 11’300 Gewerkschaften in Erfurt und erklärten „in Erwägung, dass die Kapitalmacht alle Arbeiter gleichviel ob sie konservativ – liberal – fortschrittlich oder Sozialdemokrat sind, gleich sehr bedrückt und ausgebeutet“ es „zur heiligsten Pflicht der Arbeiter, alle Parteikader beiseite zu setzen und auf dem neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation die Vorbedingung eines erfolgreichen kräftigen Widerstandes zu schaffen, die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung ihrer Klassenlage zu schaffen“ (Uellenberg 1996: 22). Ein Zusammenschluss blieb vorerst jedoch Wunschdenken. Einerseits waren die Sozialdemokraten in Deutschland gespalten und andererseits konnten sich die Delegierten nicht über die Organisationsform eines allfälligen Dachverbandes einigen. Die Bemühungen für einen Zusammenschluss wurden 1878 mit dem Sozialistengesetz, welches Reichskanzler Otto von Bismarck 1878 einführte, vollends unterbrochen (Weitbrecht und Berger 1985: 485). Faktisch bedeutete diese Einführung das Verbot von Gewerkschaften und eine Repression gegenüber den Mitgliedern. Die Gewerkschaftsbewegung wurde so während 12 Jahren praktisch stillgelegt. Dies änderte sich erst mit den Massenstreiks (so zum Beispiel der Bergarbeiterstreik 1889) und insbesondere mit der Nichterneuerung des Sozialistengesetzes 1890. Nach der ersten Euphorie über die Wiedererlangung eines legalen Bewegungsspielraumes wurde Ernüchterung und Enttäuschung breit: Es kam zu einer Phase der Stagnation und des Niedergangs von eben erst gegründeten Verbänden (Schönhoven 1987: 61). Es wurde rasch ersichtlich, dass einzelne Gruppen für einen Widerstand gegen die Arbeitgeber zu schwach und deren Aktionsradius zu klein war. Verschiedene Streikniederlagen machten deutlich, dass die zersplitterten Gewerkschaften gegen die geschlossen auftretenden Arbeitgeberverbände auf diese Art keinen erfolgreichen Widerstand leisten konnten. Wollte man jedoch die Interessen effektiver durchsetzen, musste die Organisation einheitlicher werden. Hinzu kam die unbefriedigende Situation der rasch anwachsenden Zahl von Hilfsarbeitern und Angestellten. Durch die Industrialisierung wurden neue Berufsgruppen geschaffen, die in den bestehenden Berufsverbänden keine Aufnahme fanden. So war in dieser Situation deshalb die Frage nach einer sinnvollen Organisation von zentraler Bedeutung und im Mittelpunkt des Interessens. Diese Frage wurde auf verschiedenen Gewerkschaftskongressen diskutiert. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der erste Kongress der Gewerkschaften Deutschlands in Halberstadt 1892. Mit dem Zusammenschluss des AVDA und dem VDAV, die unter dem am Kongress gegründeten Dachverband ‚Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands’ aufgingen, wurde ein neues Gremium geschaffen (Weitbrecht und Berger 1985: 485).1 Diese Kommission wurde schon bald nach deren Gründung zu einem Dreh-und Angelpunkt der gesamtgewerkschaftlichen Interessensvertretung (Schönhoven 1987: 63).

1 1920 ging dieses Gremium im ‚Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund’ als neuer Dachverband auf (Weitbrecht und Berger 1985: 491).

In Halberstadt ging es – im Gegensatz zu den weiteren Kongressen – weniger um Berufs-, respektive Industrieverbände als um die Alternative zwischen einer lokalen versus einer zentralisierten Organisation. Trotzdem war diese Diskussion wegweisend für die spätere Entwicklung, da in den Schlussbestimmungen (im Sinne der Zentralisten) eine Grenze zu den

– meist lokal und autonom agierenden – homogenen Fachkreisen gezogen wurde (Müller-Jentsch 1985: 375). Damit wurde deutlich, dass die Stärke eines Verbandes nicht mehr über die Qualifikation der Mitglieder erreicht werden sollte, sondern über deren hohe Zahl und Solidarität. Als Resultat sollte ein starkes Klassenbewusstsein geschaffen werden. Zugleich sollte mit der Loslösung von lokalen Begebenheiten eine rationellere Organisation und eine effektivere Streikführung eingeführt werden. Der Entscheid bedeutete jedoch auch eine starke Hierarchisierung und Normierung der Mitgliederbeziehungen (Schönhoven 1987: 64). Trotz diesen Zentralisierungstendenzen einigte man sich in Halberstadt auf das Festhalten am Berufsverbandsprinzip. Gleichzeitig sollte der Weg zum Industrieverbandsprinzip nicht verbaut werden. Mehr noch: Dort, wo die Verhältnisse es zuliessen, sei der Industrieverband vorzuziehen (Müller-Jentsch 1985: 375). Diese Entscheidungen – insbesondere die Entscheidung für eine Zentralisation – hatten weitreichende Folgen. Die Debatte und Abstimmung zeigte, dass sich die Delegierten in der Interessensvertretung primär auf „wirtschaftliche“ Fragen konzentrieren wollten. Der Fokus sollte auf kleinere, dafür konkretere Verbesserungen der materiellen Bedingungen gelegt werden und nicht auf langfristige politische Gedankengebäude (Weitbrecht und Berger 1985: 485). So wurde eine Trennung von politischem Kampf und industriellem Konflikt eingeleitet. Nach Weitbrecht und Berger (1985: 485) kommt es so zu einer „immer deutlicheren Differenzierung von Partei und sozialistischer Gewerkschaftsbewegung“. In den beiden Jahrzehnten um die Jahrhundertwende kam es zu einem starken Mitgliederwachstum in den Gewerkschaften. Gleichzeitig blieb die Grossindustrie gewerkschaftlich (zumindest vorläufig) nicht organisierbar, da sich die Unternehmer erfolgreich dagegen wehrten. Sollte sich dies nicht ändern – so die Erkenntnis um 1914 – war die ganze Arbeiterbewegung gescheitert. Hinzu kamen Spannungen innerhalb der Gewerkschaften selber. Vor allem in den letzten Vorkriegsjahren verengte sich ihr Handlungsspielraum. Dies führte zu Konflikten und zu verschiedenen Diskussionen. Um diese Fragen zu erläutern, wurde 1914 in München ein Kongress abgehalten. An diesem sollte mit einer Grundsatzdiskussion unter anderem die Organisationsform geklärt werden. Dabei wurde konstatiert, dass sich „die gewerkschaftliche Entwicklung unverkennbar in Richtung des Zusammenschlusses der Organisationen zu grossen, leistungsfähigen Verbänden [vollzieht] und die fortschreitende Technik bedingt mehr als seither die Zuführung der Ungelernten und Hilfsarbeiter zu den für sie zuständigen Berufs-bzw. Industrieverbänden.“ (zitiert nach Müller-Jentsch 1985: 375). Es ging um die Alternative zwischen einer beruflichen (Verschmelzung bereits bestehender Verbände verwandter Berufe) oder betrieblichen Grundlage der Industriegewerkschaft, wobei das Letztere klar abgelehnt wurde. An diesem Kongress setzte sich der Prozess fort, der in Halberstadt begonnen hat: weg von Berufsverbänden hin zu Industriegewerkschaften. Trotz dieses grundsätzlichen Trends existierten parallel dazu weiterhin Berufsverbände, wie Tabelle 1 zeigt.

Tabelle 1: Konzentration der freigewerkschaftlichen Mitglieder (Müller-Jentsch 1985: 377).

Zwar lösten sich viele Kleinverbände um die Jahrhundertwende auf, doch entstanden gleichzeitig immer wieder neue Verbände (Schönhoven 1987: 66). Schönhoven macht dabei verschiedene Gründe fest (1987: 65ff.): Eine wichtige Rolle sieht er in diesem Organisationsverhalten, dem handwerklichen Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch auch die unterschiedliche Organisations-und Durchsetzungsfähigkeit, die Statuten, Kompetenzen und Leistungen, wie auch die unterschiedliche finanzielle Leistungskraft der einzelnen Verbände müssen nach Schönhoven berücksichtigt werden. Trotz diesen Argumenten findet eine Konzentration der Verbände statt. 1914 existieren noch sieben Grossorganisationen, welche 70 % der Gesamtmitglieder umfassen. Die Jahre zwischen den beiden Kongressen von 1892 und 1914 – und insbesondere das Jahrzehnt nach dem Ende des Sozialistengesetzes – war für die drei Arbeiterbewegungen eine Zeit der Klärung programmatischer Fragen und der Vereinheitlichung. Die freien Gewerkschaften konnten sich nach anfänglichen Schwierigkeiten zu Beginn des 20.Jahrhunderts von der SPD lösen und setzten mit dem Mannheimer Abkommen das Prinzip der Gleichberechtigung durch (Schönhoven 1987: 67-69). Auch im liberalen Lager kam es zu grösseren Veränderungen. Durch ein bescheidenes Mitgliederwachstum der Gewerkschaft kam es zu einer ungleichgewichtigen Verteilung der Sitze im Dachverband. Eine Einführung von proportionalen Vertretungen in diesem Gremium hatte zur Folge, dass kleine Verbände häufig majorisiert wurden (Schönhoven 1987: 70). Diese Nicht-Homogenität der einzelnen Verbände zwang die Gewerkvereins-Bewegung dazu, Konzessionen an das Industrieverbands-Prinzip zu machen.2 Auch die christlichen Gewerkschaften, welche sich 1899 unter dem Gesamtverband christlicher Gewerkschaften zusammenschlossen, definierten in dieser Zeit ihre Ziele und betrieben gewerkschaftliche Verbandsbildung. Mit dieser Konstituierungsphase waren die verschiedenen Gewerkschaftsverbände in den 24 Jahren zwischen dem Ende des Sozialistengesetzes und dem ersten Weltkrieg den „Kinderschuhen entwachsen“ (Uellenberg 1996: 26). Unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg begann bei allen Gewerkschaften eine Straffung ihrer Organisation. Nun gab es den ‚Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbund’ (sozialistische Richtung), den ‚Deutschen Gewerkschaftsbund’ (Christliche Richtung) und den ‚Gewerkschaftsring’ (freiheitlich-nationale Richtung) (Rauscher 1985: 386). Eine Einheitsgewerkschaft kam jedoch nicht zustande, wenn es in der Praxis auch immer wieder zu einer Kooperation dieser drei Richtungsgewerkschaften kam. Dies änderte sich auch nicht mit dem Leipziger Kongress, der 1922 stattfand. Auch an dieser Zusammenkunft stellte sich die Organisationsfrage erneut. Dabei forderte Robert Dissmann, Vorsitzender des Metallarbeiterverbandes, die Schaffung von 14 Industriegewerkschaften. Auch wenn dies kontrovers diskutiert wurde (gerade die Berufssolidarität wurde als Begründung gegen diese Einführung angeführt), so wurde dieser Antrag schlussendlich doch angenommen. Der Kongress hatte grundsätzlich zugunsten von Industrieverbänden entschieden, allerdings nicht für Industrieverbände auf betrieblicher Grundlage. Dies sollte erst nach dem zweiten Weltkrieg eingeführt werden. Auch der Zwang zur organisatorischen Umstrukturierung wurde ausgeschlossen (Müller-Jentsch 1985: 376). Die Politik der drei Verbände blieb in Folge trotz dieser Beschlüsse unverändert. Erst als die Gefahr einer Gleichschaltung der drei Richtungen durch die Nationalsozialisten drohte, begannen die Verhandlungen über einen freiwilligen Zusammenschluss im März 1933. Da war es jedoch bereits zu spät; alle Gewerkschaften wurden kurz darauf aufgelöst (Rauscher 1985: 386f.). Trotzdem kann festgehalten werden, dass sich in dieser Zeit die Industrieverbände gegenüber den Berufsverbänden durchgesetzt haben. Der Wiederaufbau der Gewerkschaftsorganisation nach 1945 war also nicht etwas komplett Neues, sondern knüpfte an die Erfahrungen der Weimarer Republik an.

2 Programmatische Fragen konnten erst im Januar 1908 in den ‚Prinzipiellen Leitsätzen’ geklärt werden (Schönhoven 1987: 71).

4.2 Die Entwicklung der Gewerkschaften in Grossbritannien
In Grossbritannien wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts meistens Handarbeit und kaum Maschinenarbeit ausgeübt. In diesem Zeitabschnitt arbeiteten ungefähr zehn Prozent der gewerblichen Bevölkerung in Fabriken. Der typische gewerbliche Arbeiter war deshalb nicht ein ungelernter Fabrikarbeiter. Vielmehr gab es in diesem geschlossenen System eine klare Hierarchie: Ein Neuling hatte die Aussicht, Geselle zu werden, Gesellen wiederum konnten zum Meister aufsteigen. Eisenberg (1986: 22) betont, dass es in Deutschland und Grossbritannien eine Vielzahl von Einzelberufen in der Mitte des 19. Jahrhunderts gab. Das Spektrum reichte von Bergleuten über Textilberufen bis hin zu den traditionellen Handwerksberufen wie Schuster, Schneider, Maurer, Schlosser, Tischler, Bäcker, Fleischer, usw. „Im einzelnen differiert die Rangfolge, aber diese Aufzählung zeigt, dass die Arbeiterbewegung in beiden Ländern nicht etwa ihrer Zeit hinterherhinkte, wenn sie ihre soziale Basis in erster Linie aus traditionellen Handwerksberufen rekrutierte“ (Eisenberg 1986: 22). Die Entwicklung der modernen Industrie nach 1850 beendete die Existenz der traditionellen Betriebsformen, und damit dezentraler Produktionsstrukturen, noch nicht. Vielmehr war Handwerk und Heimarbeit auch ein Teil der zentralisierten Produktion. Deswegen bestanden die Berufsgrenzen in Grossbritannien weiter. Hierbei ist es wichtig zu betonen, dass im Jahr 1861 ungefähr 2000 Organisationseinheiten in Grossbritannien existierten. Eisenberg (1986: 11) erwähnt, dass in dieser Vielfältigkeit der Organisationen die Berufsgrenzen in der englischen Arbeiterbewegung eine vitale Rolle spielen. Zudem wird auch betont, dass der Unterschied zwischen den gelernten und ungelernten Arbeitskräften in Grossbritannien ein wichtigeres Thema als in Deutschland war. In Anlehnung an Eisenberg (1986: 12) ist es auch wichtig zu erwähnen, dass die englische Arbeiterklasse nicht ein kollektives Identitätsbewusstsein, abgesehen von Berufs-und Verbandinteressen, zugunsten allgemeiner Arbeiterinteressen schaffen konnte, wie es der Fall in Deutschland war. In der Forschung ist jedoch der Zusammenhang zwischen der Industrialisierung und der Entstehung der Gewerkschaften in Grossbritannien umstritten. Während einige Autoren die Gründungszeit der Gewerkschaften in der industriellen Revolution sehen, so findet die Gewerkschaftsentstehung in Grossbritannien für andere Autoren wie Eisenberg (1986) schon um 1780, also vor dem Industrialisierungsbeginn, statt. Für diese Forscher ist das Hauptmerkmal des späten 18. Jahrhunderts als eine Anfangsphase der Kampf der Gewerkschaften um einen uneingeschränkten legalen Status. Mit den ‚Combination Acts’ von 1799 und 1800 trat die Zeit der Vereinigungsverbote auf. Beide Gesetze verboten den Arbeitnehmern, sich zu verbünden, um sozialpolitische Verbesserungen wie Arbeitszeitverkürzungen, höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen zu erlangen. Die Organisationskraft der Gewerkschaften wurde so verhindert (Sykes 1983: 9). Trotz diesen Verboten, die auch das Verbot auf eine Gründung von Gewerkschaften und den Beitritt zu einer solchen Organisation beinhalteten, konnten sich englische Gewerkschaften zu Beginn des 19. Jahrhunderts, wenn auch nicht umfassend, entwickeln. Gutberlet (1982: 108f.) sieht drei Gründe, welche die Verabschiedung der ‚Combination Acts’ zu erklären vermögen. Als ersten Grund sieht er den Willen des House of Commons, welches den staatlichen Einfluss weiter bewahren, und somit das mittelalterliche System der Regulierung von Arbeitsbeziehungen weiter aufrechterhalten wollte. Als einen zweiten Grund für die Verabschiedung der ‚Combination Acts’ nennt er den Einfluss der Ideen des Liberalismus. Die Balance zwischen Angebot und Nachfrage konnte durch kollektive Kräfte wie Gewerkschaften zerstört werden. Drittens hatte man Angst, dass organisierte Aktionen der Gewerkschaften zu einer Revolution führen könnten. Somit waren die ‚Combination Acts’ der letzte Versuch, das mittelalterliche System der Arbeitsbeziehungen zu erhalten. Trotz diesen Verboten kann nicht übersehen werden, dass diese Beziehungen stark vom Gedankengut des Liberalismus beeinflusst wurden, der im gesamten 19. Jahrhundert dominierte (Gutberlet 1982: 111). Wie weiter unten noch erläutert wird, zog sich der englische Staat schrittweise im Rahmen des dominanten ‚laissez-faire-Gedankens’ aus den Arbeitsbeziehungen zurück. Noch vor 1824 waren gewerkschaftliche Organisierung und Streiks verboten. Im Jahr 1824 wurden diese jedoch abgeschafft.3 Die britische Regierung wollte, um dem Konflikt zwischen liberaler Ordnung und Gewerkschaften entgegenzutreten, die Gewerkschaften in das kapitalistische System integrieren. Durch die Aufhebung dieses Gesetzes hatte das Parlament die Absicht, mit der Vereinigungsfreiheit die Gewerkschaften zu kontrollieren und gewalttätige Aktionen zu verhindern. Für Moran (1983: 260) zielte die Regierung mit der Aufhebung der Combination Acts auf eine Diskreditierung der Gewerkschaften. Sie wollte so beweisen, dass die Gewerkschaften für Arbeiter keinen Nutzen gewährleisten, wenn sie sich in einem freien Raum bewegten. Nach Wedderburn (zitiert nach Windolf 1983: 16) war dieser Schritt wichtig für die spätere Entwicklung: „Die Art und Weise, wie Gewerkschaften und Streiks in die politische und legale Ordnung integriert wurden, blieb für die spätere Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung von entscheidender Bedeutung.“ Nach der Aufhebung der Koalitionsverbote wurde die Zahl der Gewerkschaften immer zahlreicher. Trotzdem konnten sie sich aber nicht zu einer landesweiten Gewerkschaft zusammenschliessen (Sykes 1983: 10).

3 Ein Jahr später wurde den Arbeitern in einem verabschiedeten Gesetz jedoch der rechtliche Status verweigert.

Diese Gesetzesänderung von 1824 implizierte keine totale Verbesserung der Lage der Gewerkschaften, da die Beteiligung an Streiks nach wie vor als kriminelle Handlung beurteilt werden konnte. Dies änderte sich erst mit dem ‚Trade Union Act’ von 1871 und dem ‚Conspiracy and Protection of Property Act’ von 1875. Mit diesen Gesetzen wurden Streiks nun als legale, und nicht mehr kriminelle Handlungen angesehen.4 Die offizielle Registrierung für Gewerkschaften wurde aufgehoben und sie wurden nun wie Klubs wahrgenommen. Zudem setzte das Gesetz von 1875 die industriellen Beziehungen vollständig vom Strafrecht frei (Moran 1983: 259f.). Waren die Gewerkschaften vorher noch stärker unter Beobachtung, so änderte sich dies nun. Eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber ihren Funktionen und ihrer Existenz können ab diesem Zeitpunkt beobachtet werden. Trotz dieser Gesetze versuchte die Regierung, Streiks zu verhindern. Nach 1890 wurde dafür von den Gerichten das Zivilrecht benützt, um diese abzuwenden. In einem Entscheid wurde 1901 mit der Taff-Vale-Entscheidung der Law Lords erklärt, dass eine Gewerkschaft für die Konsequenzen von Streiks haftbar gemacht werden konnte. Bereits einige Jahre später wurde dieses Problem mit dem ‚Trade Disputes Act’ von 1906 gelöst. Dort, wo es sich um einen Arbeitskampf handelte, wurden die Gewerkschaften nun von gerichtlicher Verfolgung befreit. Das Recht wurde somit in einem grösstmöglichen Mass von den Arbeitskämpfen ferngehalten (Moran 1983: 263). Dies bedeutete, dass sich das Recht nicht in die Arbeitsbeziehungen einmischen sollte. Es ist dabei wichtig zu betonen, dass der Charakter des Arbeitsrechts in Grossbritannien und auch anderen westeuropäischen Ländern stark durch die Art der jeweiligen Arbeiterbewegung beeinflusst wurde (Wedderburn 1983: 286). Folglich kann in Anlehnung an Wedderburn (1983: 287) argumentiert werden, dass es in der formativen Periode der britischen Gewerkschaften zwischen 1850 und 1906 eine starke Arbeiterbewegung in Grossbritannien gab, die aber noch keinen politisch-ideologischen Arm hatte. Es war nicht eine Bewegung mit ideologischen, sondern mit pragmatischen Merkmalen. In dieser Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Gewerkschaften zu New Model Unions. Sie waren also die ersten nationalen Berufsorganisationen, welche Gewerkschaften für gelernte Arbeitskräfte mit hohen Mitgliederbeiträgen und finanziellen Mitteln waren.5 Der zweite Reform Act von 1867 gab diesen gelernten Arbeitskräften das Wahlrecht. Dies ermöglichte den Arbeitern, politischen Druck auf die Regierung auszuüben. Durch den Zusammenschluss von ungelernten Arbeitern trat nach der wirtschaftlichen Depression in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine neue gewerkschaftliche 4 Dieser Rahmen hatte bis zum ‚Industrial Relations Act’ von 1971 bestand. 5 Die Amalgamated Society of Engineers ist ein Beispiel für eine solche Gewerkschaft.

Organisationsform auf. Sie richtete sich auf den Kampf gegen Arbeitgeber und beruhte auf einer sozialistischen Weltanschauung (Sykes 1983: 11). In Folge der Entstehung dieser neuen Organisationsform der Gewerkschaften fand der grosse Streik der Londoner Dockarbeiter im Jahr 1889 statt, der mit dem Sieg der Dockarbeiter endete und zur Verbreitung der allgemeinen Gewerkschaften führte. In Folge wurde die politische Einwirkung der Gewerkschaften und der sozialistischen Organisationen immer grösser und führte im Jahr 1900 zur Gründung des Labour Representation Committee, welche die Basis für die Labour Party war. Die New Model Unions versuchten dabei die lokalen und beruflichen Grenzen der alten craft societies abzureissen. So konnten sie sich zu einer Grundbasis der modernen englischen Arbeiterbewegung entwickeln (Eisenberg 1986: 256). An dieser Stelle kann angefügt werden, dass sich in den Gewerkschaften Grossbritanniens die sozialistische Ideologie später entwickelte, und zudem der Sozialismus weniger ausgeprägt war als in Deutschland (Marks 1989: 7). In der ganzen Entstehung und Entwicklung der industriellen Beziehungen in Grossbritannien spielen das ‚Common Law’ wie auch die historisch wirksame Tradition des ‚voluntarism’ eine bedeutende Rolle (Windolf 1983: 16). Der ‚voluntarism’ entspricht der politischen Kultur von Grossbritannien, welche eine Nichteinmischung des Staates in die Arbeitsbeziehungen hervorhebt. In Grossbritannien gibt es kein Gesetzbuch und keine geschriebene Verfassung. Dies führt dazu, dass Richter mit ihrer Interpretation und Entscheiden ein grosses politisches Gewicht haben. Flanders (1983: 45) argumentiert, dass die Haltung der britischen Gewerkschaften gegenüber dem Staat vom so genannten ‚freiwilligen System’ oder freien Kollektivverhandlungen bestimmt wird. Das bedeutet, dass die Tradition des ‚voluntarism’ des 19. Jahrhunderts die Unabhängigkeit der Gewerkschaften gegenüber staatlichen Eingriffen garantierte. In Folge konzentrierte sich die Gewerkschaftsbewegung auf sich und orientierte sich an stark fragmentierten Organisationsstrukturen. Zudem kann man vermuten, dass Gewerkschaften in Grossbritannien „vor allem opportunistische Einrichtungen sind, die von keinen Prinzipien oder Werten geleitet werden“ (Flanders 1983: 53). Dementsprechend betont Flanders (1983: 20f.), dass Arbeitsbeziehungen in Grossbritannien weitgehend informell, fragmentiert und autonom sind. Informell, weil sie weniger auf schriftlichen Vereinbarungen und mehr auf Tradition und Gewohnheitsrecht basieren. Fragmentiert und autonom, weil sie von keiner Zentrale koordiniert werden, was als ein Erbe aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts angesehen werden kann. Eine zweite Besonderheit der industriellen Beziehungen in Grossbritannien ist das ‚closed shop’-Modell. Unter dieser Bezeichnung versteht man Gewerkschaften, welche ihre Mitglieder aus lediglich einer oder zwei Berufsgruppen rekrutieren (Clegg 1983: 123). Im 19. Jahrhundert versuchten Facharbeiter in den Gewerkschaften ihre Arbeitsplätze vor den anderen, ungelernten Arbeitern zu schützen. Diese gelernten Arbeiter, die in der Hierarchie zuoberst standen, konnten nicht leicht durch andere Arbeiter ersetzt werden. Auf diesen Umstand reagierend, gründeten weniger qualifizierte Arbeiter allgemeine Gewerkschaften. Ab 1889 verloren diese Gewerkschaften für Ungelernte jedoch ihre Bedeutung, während die Berufsgewerkschaften mit ihrem ‚closed shop’-Modell fortdauerten. In diesen Berufsgewerkschaften herrschte eine strenge Organisationsdisziplin, da sie versuchten, Kontrolle über die Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder zu erlangen. Darüber hinaus übten sie eine beträchtliche Kontrolle über den Arbeitsmarkt aus (Clegg 1983: 129-133).

4.3 Synthese
Vergleicht man Deutschland und Grossbritannien, kann man feststellen, dass sich insbesondere das Gewicht und die Dauer der Staatsunterdrückung stark voneinander unterscheiden. Wie bereits oben erwähnt, stand die Arbeiterbewegung in Deutschland immer wieder stark unter Druck und Repression. Lange Zeit blieben Gewerkschaften verboten oder wurden stark diskriminiert. Auch als das Koalitionsverbot, und später das 1878 eingeführte Sozialistengesetz abgeschafft wurden, änderte sich die Situation nicht gleich. Die Arbeiterorganisationen merkten, dass sie als einzelne Gruppen für einen Widerstand gegen die Arbeitgeber zu schwach waren (Schönhoven 1987: 61). Diese Erkenntnis führte zu einem ersten von drei Kongressen, an welchem die Strategie, und insbesondere die Organisationsfrage neu durchdacht wurden. Auf dem ersten Kongress wurde der Wunsch nach einer gewerkschaftlichen Unterstützung bei Streiks und Aussperrungen und mit verbesserten und effizienteren Agitationsmöglichkeiten begründet (Armingeon 1988: 20). Der Trend hin zu einem Industrieprinzip bei gleichzeitiger Beibehaltung von Berufsverbänden wurde auch 1914, als sich in den Gewerkschaften Spannungen manifestierten, beibehalten. In diesem Trend kann laut Armingeon (1988: 20) ein Konzentrationsprozess unter den Gewerkschaften beobachtet werden. Gleichzeitig wurde 1906 bei den verbleibenden Berufsgewerkschaften der bis zu diesem Zeitpunkt andauernde Fragmentierungsprozess beendet. Für von Beyme (1977: 39) ist diese geringe Fragmentierung denn auch ein Faktor für die Herausbildung des Industrieprinzips. Die Organisationsfrage war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelöst. Deshalb wurde sie 1922 in Leipzig noch einmal angegangen und grundsätzlich diskutiert. Industriegewerkschaften wurden in einem Grundsatzentscheid gutgeheissen. Diese drei Kongresse zeigen, dass die Arbeiterbewegung in Deutschland durch die Erfahrung mit Repression und Druck ihre Organisationsstruktur dahingehend veränderten, so dass sie angemessen auf die Umstände reagieren konnten. Es kann hier somit bemerkt werden, dass für Deutschland die Bildung von Industriegewerkschaften eine politisch-strategische wie auch eine zweckrationale Strategie sozialdemokratischer Arbeitsbewegung ist (Armingeon 1988: 20). Es wird ersichtlich, dass durch die Unterdrückung der Gewerkschaften in Deutschland, die Regeln des ‚Spiels’ verändert werden, und dass sie sich von ihrer bevorzugten Strategie verabschieden mussten. Die Gewerkschaften in Deutschland radikalisierten sich, weil der Staat während einer grossen Zeitspanne in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihnen durch die Einschränkungen und Repression keinen (legalen) Handlungsspielraum gewährte.

Als Folge dieser Staatsunterdrückung wurden in Deutschland die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen abgebaut. Die Arbeiter lebten unter dem gleichen rechtlichen Rahmen und der gleichen Repression. Die Organisationsfähigkeit wurde landesweit vom Staat stark begrenzt. All dies erzeugte ein Gefühl der Solidarität in der Arbeiterklasse (Marks 1989: 14). Durch diese Solidarität merkten die Arbeiter in Deutschland, dass sich ein Zusammenschluss positiv auf das Durchsetzen ihrer Interessen auswirkte. Wie Jürgen Kocka (zitiert nach Marks 1989: 58) argumentiert: „Government supervision and repression did not focus on specific occupations but on journeymen and workers in general. Probably this helped them to identify as workers instead of members of particular crafts or special skill groups.” Die deutsche Arbeiterschaft entwickelte also ein gemeinsames politisches Ziel ohne Bezug auf einzelne Berufsgruppen. Es entstand sich ein eigentliches Klassenbewusstsein. Dies spielt denn auch eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der verschiedenen Gewerkschaftstypen in Grossbritannien und Deutschland. Diese unterschiedlichen Typen lassen sich einerseits mit der Staatsunterdrückung in Deutschland und andererseits mit der Dominanz der liberalen Gedanken in Grossbritannien – und somit mit dem Nichteinmischungs-Prinzip des Staates – erklären. So existierten in Grossbritannien die Berufsgrenzen weiter und konnten sich lange Zeit nicht zu einer einheitlichen Kraft entwickeln, welche die gemeinsamen Interessen aller Arbeiter vertreten konnte. Die Berufsgewerkschaften bildeten keine Gefahr für die regierenden Schichten, weil sie zu stark fragmentiert waren. In Grossbritannien war der legale Rahmen, zumindest ab 1824, toleranter als in Deutschland. In Anlehnung an Eisenberg (1986: 12) ist es wichtig zu betonen, dass die englische Arbeiterklasse im Gegensatz zu Deutschland, nicht ein kollektives Identitätsbewusstsein – abgesehen von Berufs-und Verbandsinteressen – zugunsten allgemeiner Arbeiterinteressen schaffen konnte. Thompson (1987) betont in seinem Werk „The Making of the English Working Class“, dass sich das Klassenbewusstsein nicht von sich selbst entwickelte, sondern aktiv durch die Beteiligung der Arbeiter geschafft werden konnte. Die englische Arbeiterschaft konnte bis Ende des 19. Jahrhunderts kein Klassenbewusstsein entwickeln. Dies führte dazu, dass sie sich weiter in Berufsgewerkschaften organisierten, die zwar für gelernte Arbeiter offen, jedoch für ungelernte Arbeiter geschlossen waren. Es gab also eine heterogene Schicht von Arbeitern in Grossbritannien, die aus ‚labour aristocracy’ und ungelernten Arbeitern bestand. Während 1850 bis 1880 hatte „die grosse und einflussreiche Gruppe der Facharbeiter eher die Interessen der Arbeitgeber geteilt, als sich mit der grossen Masse der Arbeiter zu solidarisieren“ (Wende 2001: 148). Zudem betont Hobsbawm (Hobsbawm 1984 222f. zit. nach Wende 2001: 148): „There is really no denying that the labour aristocrats […] were not aiming at the overthrow of capitalism, and were indeed both subjectively and objectively furthering the subaltern integration of the workers into the system.” Es kann dabei angefügt werden, dass der Sozialismus eine stärkere Wirkung über die Arbeiterklasse Deutschlands im Vergleich zu Grossbritannien hatte, wie es Lipset (1983: 6) formuliert: „The greater the duration and intensity of state repression of working-class economic and political rights, the more likely workers were to respond favourably to revolutionary doctrines“. Es ist schon in Anlehnung an Thompson im Theorieteil erwähnt worden, dass die Arbeiterklasse nicht nur dadurch entsteht, dass eine Gruppe von Menschen in einer gemeinsamen Beziehung zu den Produktionsmitteln steht. Vielmehr ist es eine notwendige Bedingung für die Existenz der Arbeiterklasse, dass sie selber diese gemeinsame Beziehung zu den Produktionsmitteln wahrnimmt. Dies bedeutet, dass sich die Arbeiter ihrer eigenen Lage und ihrer Interessen bewusst sein müssen, damit man von einer Arbeiterklasse sprechen kann. In Grossbritannien haben die herrschenden Klassen die Arbeiter erfolgreich in das System integriert, so dass sich lange Zeit kein gemeinsames Klassenbewusstsein entwickelte. Es ist auch bemerkenswert, dass nach der Aufhebung der Koalitionsverbote die Zahl der Gewerkschaften zwar immer grösser wurde, sie sich aber nicht zu einer landesweiten Gewerkschaft zusammenschliessen konnten (Sykes 1983: 10). An dieser Stelle ist zu sehen, dass die Liberalen und Konservativen als herrschende Klasse eine schlaue Lösungsform gefunden haben, um zu verhindern, dass sich ein Klassenbewusstsein in der Arbeiterschaft entwickelte; die Strategie des ‚Fragmentierens und Regierens’. Es gab also eine Zersplitterung der Arbeiterklasse in den Berufsgewerkschaften der gelernten Arbeiter (Oehlke 1974: 72). Es muss – wie bereits erwähnt – beachtet werden, dass sich bis in die 1880er Jahre in Grossbritannien kein starkes, von der sozialistischen Ideologie geprägtes Klassenbewusstsein entwickelte. Den Arbeitern waren ihre gemeinsamen Beziehungen zu den Produktionsmitteln schlicht nicht bewusst. Infolgedessen organisierte sich die Arbeiterklasse zersplittert zwischen den gelernten und ungelernten Arbeitern in Berufsgewerkschaften. Diese Zersplitterung wiederum verhinderte die Entstehung eines Klassenbewusstseins unter der Arbeiterschaft. In Deutschland gestaltete sich die Situation jedoch anders. Weil die Gewerkschaftsbewegung durch das Koalitionsverbot im Gegensatz zu Grossbritannien relativ spät einsetzte, geriet sie in Deutschland gleich zu Beginn in den Sog der politischen Auseinandersetzungen zwischen Liberalismus und Sozialismus (Rauscher 1985: 384). So war der Einfluss der Parteien auf die Gewerkschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gross, wenn sie selber die diese auch nicht begründet haben. Ein Klassenbewusstsein wurde – insbesondere von der sozialdemokratischen Partei – nicht behindert. Die Beziehung zwischen den Parteien und den Gewerkschaften war dabei trotzdem von einem ambivalenten Verhältnis geprägt. Einerseits fand eine (enge) Verflechtung statt, andererseits wollten die Richtungsgewerkschaften in Deutschland auch selbständig, oder doch zumindest auf gleicher Höhe wie die Partei agieren. Der Streit zwischen der sozialdemokratischen Partei SPD und den Gewerkschaften in den Jahren 1860 bis 1907 zeugen von dieser Uneinigkeit (vgl. dazu auch Schönhoven 1984: 46-56). Für von Beyme (1977: 38) spielt diese enge Vernetzung zwischen Gewerkschaft und Partei eine Rolle: Laut von Beyme sah die internationale Arbeiterbewegung diesen Zunftgeist als ‚Arbeiteraristokratie’ (1977: 38) und musste deshalb möglichst rasch einer Organisationsstruktur weichen, die in ihren Augen nicht elitär, sondern egalitär war. Erreicht werden konnte dies durch die Förderung eines Klassenbewusstseins. Wie von Beymes (1977: 38) erwähnt, konnte sich dort das Industrieprinzip als Mittel gegen den Zunftgeist etablieren, wo die Partei mitbestimmen konnte.

5. Konklusion

In dieser Arbeit werden die Gewerkschaftsentwicklungen in Deutschland und in Grossbritannien erörtert. Diese beiden Länder wurden gestützt auf die Differenzmethode ausgewählt, weil sie unterschiedliche Gewerkschaftsentwicklungen aufweisen und ansonsten in vielen anderen Aspekten ähnlich sind. Zu diesen Aspekten gehören Regierungsform, politische Kultur, dominante Strukturen und Verhältnisse in der Gesellschaft unter dem Einfluss des Kapitalismus und die Stärke der Arbeiterbewegungen. Warum haben sich aber verschiedene Gewerkschaftstypen in Deutschland und in Grossbritannien entwickelt? Anhand der Differenzmethode wird in dieser Arbeit das Klassenbewusstsein als einen Kausalfaktor betrachtet, der für diese unterschiedlichen Entwicklungen verantwortlich sein soll. Die Absenz eines Klassenbewusstseins in Grossbritannien hatte die Unterscheidung zwischen den gelernten und ungelernten Arbeitern hervorgebracht, was dazu führte, dass sich die Arbeiter in Berufsgewerkschaften organisierten. Darüber hinaus entwickelte sich in Grossbritannien bis 1880 kein starkes Klassenbewusstsein, da sich die Arbeiterklasse ihrer gemeinsamen Beziehung zu den Produktionsmitteln nicht bewusst war. Warum kam ein Klassenbewusstsein in Grossbritannien – im Gegensatz zu Deutschland – über lange Zeit nicht zu Stande? Für das fehlende Klassenbewusstsein ist zum Teil die Dominanz der liberalen Gedanken und somit das Nicht-Einmischungs-Prinzip des Staates ab 1824 verantwortlich. Wie Lipset (1983: 6) betont, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Entstehung eines Klassenbewusstseins unter den Arbeitern, je intensiver die Staatsunterdrückung über die ökonomischen und politischen Rechte der Arbeiterklasse ist. Der Staat agierte in Deutschland lange repressiv. Dies war in Grossbritannien, welches unter dem Einfluss von liberalem Gedankengut stand, nicht der Fall. In Deutschland hat zum Teil die Repression des Staates zu einem Klassenbewusstsein unter der Arbeiterklasse geführt. Dies wiederum provozierte eine Organisation der Arbeiter, die sich ohne Rücksicht auf Berufsgrenzen in Industriegewerkschaften zusammenschlossen, um so eine stärkere Einwirkung über die regierende Klasse auszuüben. In dieser Arbeit wurde also die These verteidigt, dass das subjektive Wahrnehmen der Arbeiterschaft ihrer gemeinsamen Verhältnisse zu den Produktionsmitteln, also das Klassenbewusstsein, zu den unterschiedlichen Gewerkschaftstypen in beiden Ländern führte.

6. Literatur
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Çeviren : Can Büyükbay